|
Milarepa
hatte überall nach Erleuchtung gesucht, aber nirgends
eine Antwort gefunden, bis er eines Tages einen alten
Mann langsam einen Bergpfad hinabsteigen sah, der einen
schweren Sack auf der Schulter trug.
Milarepa wusste augenblicklich, dass dieser alte Mann
das Geheimnis kannte, nach dem er so viele Jahre verzweifelt
gesucht hatte.
"Alter, sage mir bitte, was du weißt. Was ist Erleuchtung?"
Der alte Mann sah ihn lächelnd an, dann ließ er seine
schwere Last von der Schulter gleiten und richtete sich
auf.
"Ja, ich sehe!" rief Milarepa. "Meinen ewigen Dank!
Aber bitte erlaube mir noch eine Frage: Was kommt nach
der Erleuchtung?"
Abermals lächelte der alte Mann, bückte sich und hob
seinen schweren Sack wieder auf. Er legte ihn sich auf
die Schulter, rückte die Last zurecht und ging seines
Weges.
Der
Schüler näherte sich dem Meister: "Seit
Jahren suche ich die Erleuchtung", sagte er "Ich
fühle, dass sie nicht mehr weit ist. Ich möchte
wissen, welchen Schritt ich als nächstes tun soll".
"Und wie erwirbst du deinen Lebensunterhalt?"
fragte der Meister.
"Noch habe ich nicht gelernt, mich selbst zu ernähren.
Mein Vater und meine Mutter unterstützen mich.
Aber das tut doch hier nichts zur Sache."
"Der nächste Schritt besteht darin, dass du
eine halbe Minute lang in die Sonne blickst", sagte
der Meister. Der Schüler gehorchte. Als die Zeit
um war, bat der Meister den Schüler, er möge
ihm das Feld um sich herum beschreiben.
"Ich kann es nicht sehen, die Helligkeit der Sonne
hat meinen Blick getrübt", antwortete der
Schüler. "Ein Mensch, der nur das Licht sucht
und die Verantwortung für sich selbst anderen überlässt,
wird die Erleuchtung nicht finden. Ein Mensch, der in
die Sonne starrt, wird am Ende blind", sagte darauf
der Meister.
Paulo
Coelho aus: Der
Wanderer
|