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Doch
wie in allen Märchen erschien die böse Fee.
Sie war zornig darüber, daß sie nicht eingeladen
worden war, und sprach einen Fluch: "Da du bereits
alles hast, gebe ich dir noch mehr. Du wirst das Talent
zu allem haben, was du tun möchtest."
Der
Prinz wuchs heran, war schön, reich und verliebt.
Doch er erfüllte nie seine Mission auf Erden.
Er
war ein ausgezeichneter Maler, Bildhauer, Musiker, Mathematiker,
doch es gelang ihm nie, eine Aufgabe zu vollenden, weil
er immer schnell abgelenkt war und etwas anderes machen
wollte.
Der
Meister sagt: "Alle Wege führen zum selben
Ort. Doch wähle deinen eigenen Weg und geh ihn
bis zum Ende. Versuche nicht, alle Wege zu beschreiten."
aus
Paulo Coelhos "Der Wanderer"
Eines
Tages war der Prinz wieder einmal sehr traurig und frustriert
darüber, dass er so wenig erreicht und geschafft
hatte. Trotz all seiner Talente und seines unermüdlichen
Fleißes hatte er am Ende des Tages immer doppelt
so viele Aufgaben, als am Tag zuvor. Resigniert hatte
er verschiedene Projekte eingestampft und liegen gelassen,
aber wenn er daran dachte, dann immer mit einem gewissen
Bedauern. Sein Herz war traurig und auch die Prinzessin
und die vielen Edelsteine konnten ihn nicht darüber
hinweg trösten. Er stieg in den höchsten Turm
seines Schlosses und öffnete die Fenster ganz weit.
Lange starrte er in den Schlosshof, bis er eine warme
Frühlingsbrise auf der Haut spürte. Er hob
den Blick und sah zum Himmel. Da erblickte er eine zauberhafte
Fee, die ihn freundlich ansah.
Sei
nicht traurig, sagte sie. Die böse
Fee hat dir all diese Talente gegeben und dazu
gehört auch das Talent, mit ihnen zu jonglieren.
So wie du gelernt hast ein guter Mathematiker und Künstler
zu sein, wirst du auch ein guter Talente-Jongleur werden.
Du wirst die Vielfalt deiner Fähigkeiten so zu
nutzen wissen, dass sich dein Leben zu einem Gesamtkunstwerk
entwickelt. Alles was du brauchst, sind Geduld, Gleichmut
und die Fähigkeit, dein Leben mit einer inneren
Distanz zu betrachten so als wärest du heute
schon hundert Jahre alt. Diese Fähigkeiten will
ich dir heute schenken!
Der Prinz
spürte einen sanften Hauch, der ihn umspielte und
dann durch den Turm des Treppenhauses hinunter ins Schloss
wehte. Er hörte einige Fenster und Türen auf-
und zuschlagen und wusste, dass der Geist der Fee das
gesamte Schloss verwandelt hatte. Mit einer Mischung
aus Staunen und Freude lief der Prinz die Treppen hinunter.
In seinem Arbeitsraum waren fünf Diener dabei,
die Papiere und Fotos, die der Windstoß vom Tisch
gefegt hatte, wieder aufzusammeln.
Moment!
rief der Prinz und griff selbst nach den Unterlagen.
Er schaute auf die Blätter, die neu sortiert einen
ganz anderen Zusammenhang ergaben.
Das
ist genial! Voller Freude setzte sich der Prinz
an seinen Tisch. Er hatte eine neue Entdeckung gemacht!
Und weil er ja noch einige Jahre vor sich hat, dürfte
es nicht die letzte gewesen sein.
Übrigens
hatte niemand dem Prinzen jemals Sprunghaftigkeit und
mangelnde Konsequenz vorgeworfen. Seine Untertanen liebten
ihn, denn er beschenkte sie reich mit seinen Talenten.
Vorwürfe hatte er sich nur immer selbst gemacht.
Und das war auch der einzige Fluch, den die böse
Fee ihm wirklich mitgegeben hatte. Als der Prinz erkannte,
dass es keine Vollendung gab, und dass es reichte, glücklich
und zufrieden sein Tagwerk zu vollbringen, genoss er
sein Leben in vollen Zügen
und so ganz nebenbei
profitierte das ganze Land von seinen Ideen und seiner
Tatkraft.
aus
Jacqueline Esens Umdichtungen
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